Johann (Sohn) Strauss (1825-1899):

Aschenbrödel

englisch Cinderella / französisch Cendrillon

Allgemeine Angaben zum Ballett

Entstehungszeit: 1898-99
Uraufführung: 2. Mai 1902 in der Berliner Oper in Gegenwart von Kaiser Wilhelm II. unter der musikalischen Leitung von Carl Muck
Bühnenbild: Oberinspektor Brandt
Darsteller: Antionetta dell'Era als Aschenbrödel
Besetzung: Orchester
Erstdruck: Wien: J. Weinberger, 1900
Verlag: Wien: Strauss Edition Wien (Verlagsgruppe Hermann), 2002 ?
Bemerkung: unvollendet, posthume musikalische Einrichtung von Joseph Bayer

Zum Ballett

Art: Ballett in drei Akten
Libretto: Heinrich Regel nach einem Szenario von A. Kollmann
Ort: Wien
Zeit: Ende des 19. Jahrhunderts

Personen der Handlung

Gustav: Inhaber eines Modeateliers
Madame Leontine: die Geschäftsführerin
Grete: ihre Stieftochter, als Aschenbrödel bekannt
Franz: Gustavs jüngerer Bruder
Fanchon: Gretes Stiefschwester
Yvette: Gretes Stiefschwester
Piccolo: Gustavs Privatsekretär

Handlung

1. Akt:

Gustav ist der Inhaber eines Modeateliers im Warenhaus „Die vier Jahreszeiten“. Von ausgebildeten Putzmacherinnen werden Hüte geschmückt und Karnevalskleidung arrangiert. Zucht und Ordnung herrschen im Laden nicht, denn es geht nicht an, dass zwei Verkäuferinnen eine Kundin zur Tür geleiten und hinter ihr Grimassen schneiden. Sobald Madame Leontine erscheint, besinnt man sich auf gute Manieren und tut beflissen, denn die Chefin gibt sich sehr streng. Besonders scharf wird die Arbeit von ihrer Stieftochter Grete beurteilt. Das Mädchen mag sie überhaupt nicht leiden und sie hat ständig etwas an ihr auszusetzen.

Eine trübe Tasse ist Grete aber nicht. Ganz unbekümmert turtelt sie mit Franz, dem jüngeren Bruder von Gustav herum, ohne seine Liebeserklärung zu akzeptieren. Sie spielen Verstecken hinter Kleiderpuppen und Dekorationen, dass von einem geordneten Arbeitsablauf nicht mehr die Rede sein kann. Durch den Besuch von Fanchon und Yvette werden die Neckereien unterbrochen. Madame Leontine hätte den jungen Mann gern für eine ihrer beiden Töchter als Heiratskandidaten und stellt durch bezeichnende Gesten die Reize ihrer leiblichen Kinder in den Vordergrund.

Es klopft! Der Privatsekretär von Gustav trägt einen Pappkarton mit zwei wunderschönen Dominos herein, denn am Abend gibt der Geschäftsinhaber einen Ball in seiner Privatvilla. Grete äußert sich, dass ein schmucker Domino ihr gut stehen würde, wird aber von den beiden Stiefschwestern ausgelacht. Sie trägt empfindlich an der Kränkung, doch Franz versucht sie zu trösten. Den Burschen hat die Tanzlust gepackt, und er dreht sich mit den Putzmacherinnen zum Walzer. Die Melodie liefert draußen auf der Straße ein Leierkastenmann, der zur „Schönen blauen Donau“ die Musikwalze dreht. Warum ist Grete so garstig und gibt dem Franz einen Korb, obwohl er pausenlos nett zu ihr ist? Franz flötet ihr eine Kusshand zu und ist sich in seiner männlichen Eitelkeit vollkommen sicher, dass sie eines Tages schon angerückt kommen wird. Es war doch nie anders. Mit Frauen kennt er sich aus.

Es ist Feierabend, und die Kolleginnen gehen nach Hause. Grete muss den Schwestern assistieren, während diese sich für den Ball zurechtmachen. Die goldenen Schuhe, die der Sekretär noch mitgebracht hat, passen leider nicht. Die Haxen lassen sich auch mit roher Gewalt nicht hineinzwängen. Der Schuster hat beim Zuschneiden des goldenen Satins nicht an Klumpfüße gedacht. Wütend werfen sie beiden eitlen Schwester den Tand Aschenbrödel vor die Füße. Anschließend gehen sie mit ihrer Mutter auf den Ball. Vorher bekommt Grete noch Arbeit zugeteilt. Sie soll eine große Platte mit Papierblumen nach Farbe und Größe sortieren und einzeln in Kartons verpacken. Durchaus eine angenehme Arbeit – ihre Tauben sollen ihr dabei helfen. Merkwürdig, dass Grete im Laden Tauben halten darf und von der Stiefmutter kein Einwand kommt. Sie macht sogar das Türchen des Käfigs auf und lässt die Vögel umherflattern. Offenbar sind die sonderbaren Vögel stubenrein. Aschenbrödel probiert die goldenen Schuhe an, die wie angegossen sitzen und stellt sich vor, sie sei auf dem Ball. Sie tanzt mit den Kleiderpuppen, schaut sich im Spiegel an und lächelt gelöst. Plötzlich klopft es an die Tür. Der Sekretär ist noch einmal gekommen und hat eine Schachtel mit einem Domino dabei. Dazu ein phantastisches ägyptisches Kostüm mit Piräusschlange, wie Kleopatra es getragen haben dürfte. Der Gipfel der Aufmerksamkeit ist jedoch das Billett zum Ball. Schnell zieht sich die Aufgemunterte um, und am Arm Piccolos geht es hinaus in die verheißungsvoll erleuchtete Nacht.

2. Akt:

Bei Gustav im Ballsaal tanzen die Gäste Quadrille. Die beiden Schwestern Aschenputtels sind auch anwesend, aber noch weiß niemand, wer sich hinter den Masken verbirgt. Gustav ist enttäuscht, dass Grete nicht gekommen ist, die er auch hinter der Maske erkannt hätte. Ein neuer Tanz beginnt, und auf der Treppe erscheint eine Unbekannte, gefolgt von Piccolo dem Sekretär. Unter der Maske wird das Mädchen aus der Boutique nicht erkannt, aber Franz, der Frauenjäger, ist schnell zur Stelle. Er rennt die Treppe hoch und geleitet den Ankömmling an der Hand stolz wie ein Pfau die Stufen herunter. Die Stiefschwestern mit den plumpen Schuhabsätzen hatten schon gedacht, sie selbst seien die Schönsten auf dem Fest, aber irren ist bekanntlich menschlich.

Grete streift den Domino ab und zeigt sich ägyptisch. Keiner erkennt das Mädchen aus dem Warenhaus, doch durch den Saal geht ein Raunen. Für ihren großen Auftritt hat Johann Strauss junior etwas ganz besonderes für Grete komponiert – den Sklavinnentanz. Dieser sieht vor, dass Kleopatra vor Gustav auf den Boden sinkt, als ob er ihr Gebieter sei. Franz sieht es mit Bestürzung und will ihr aufhelfen, doch Grete gibt sich Mühe, ihn abzuwehren. Yvette und Fanchon helfen Franz aus der Verlegenheit und ziehen ihn zum Salat-Tresen. Grete geht nun raffiniert vor, eine Eigenschaft, die ihr niemand zugetraut hätte. Bedächtig lüftet sie den Schleier ein bisschen von einem Ohr zum andern und bietet dem Inhaber der Modeboutique an, sein Liebesgeständnis zu platzieren. Anschließend wird die Gardine wieder zugezogen, bevor die Gäste vom Buffet zurück sind. Grete ist nicht so töricht, wie die Schwestern gern wahr haben möchten. Sie bestätigt durch Kopfnicken, dass seine Botschaft wohlwollend aufgenommen worden ist. Es ergibt sich, dass Grete schließlich zur Ballkönigin gewählt wird. Dazu darf sie auf einem von Tauben umflatterten Blumenwagen herumfahren. Man tanzt wieder Walzer, und Franz, schon ein bisschen angetrunken, verliert die Beherrschung. Er kann nicht warten, bis die Stunde gekommen ist, in welcher die Unbekannte ihr Geheimnis lüftet. Eigenmächtig versucht er, den störenden Schleier vom Gesicht zu zerren. Mit dem Bruder gibt es sofort heftigen Streit, und das verängstigte Gretchen ergreift die Flucht. Auf der Treppe verliert es einen goldenen Schuh, findet aber in der Hast trotzdem den Weg sicher nach Hause.

3. Akt:

Noch völlig ermüdet von der rauschenden Ballnacht, sinkt Grete in einen Sessel und schläft ein. Es wird dunkel, und der Choreograph führt dem Theaterbesucher drei Traumbilder vor. Grete tanzt durch den Ballsaal und Gustav hält sie in seinen Armen – Grete befindet sich mit Gustav Ringe tauschend vor dem Traualtar – Grete hält sich in ihrem Boudoir auf und ist von Amoretten umgeben, die wie Motten um sie und Gustav herumflattern. Sie wird wach, draußen hat sie Schritte gehört. Die Mutter und die Schwestern stürzen ins Zimmer – Franz ist auch dabei. Aber wieso ist die gesamte Arbeit, welche die Mutter ihr aufgegeben hat, fertiggestellt? Grete kann nicht gleichzeitig auf dem Ball gewesen sein, während sie zu Hause beschäftigt war. Von fleißigen Tauben weiß man, dass sie zwar Linsen - die guten ins Kröpfchen, die schlechten ins Topfchen – sortieren können, aber zu Papierblumen haben Vögel keinen wirklichen Bezug. Gustav verhält sich wie der Prinz im Märchen, muss aber nicht in der ganzen Republik herumreisen, weil er genau weiß - Piccolo hat es ihm gesagt - wo er suchen muss. Mit dem goldenen Schuh in der Hand kommt er in den Laden und bittet die Anwesenden zur Anprobe. Den Schwestern ist der Schuh zu klein, aber Aschenbrödel passt er. So bekommt Gustav die Frau, die er schon immer haben wollte.

ZWISCHENSPIEL

Es folgt noch ein kleines Divertissement, in dem Gustav in einem griechischen Tempel Grete die Hand zum Bunde reicht. Nun hat Grete begriffen, dass Träume wahr werden können.

Beschreibung

Die Komposition eines abendfüllenden Balletts hatte Johann Strauss sich bis an sein Lebensende aufgehoben und konnte das Werk nicht mehr vollenden. Er starb am 3. Juni 1899 überraschend an einer Lungenentzündung. Seine Witwe Adéle berichtet, dass er bis zum Schluss fieberhaft an seinem einzigen abendfüllenden Ballett gearbeitet hat, was bei einem Walzerkönig zu Verwunderung Anlass gibt. Noch auf dem Sterbebett hat er den Taubenwalzer des ersten Aktes komponiert, behauptet Adéle. Nun, im Spätherbst 1898 war der Entwurf im Klavierauszug bereits fertig, und Karl Millöcker, der Komponist des „Bettelstudenten“, wurde gefragt, ob er die Instrumentierung nicht übernehmen wolle. Der Angesprochene war selbst erkrankt und bedauerte ehrlichen Herzens. So bekam Joseph Bayer (1852-1913) den Zuschlag. Der Komponist der „Puppenfee“ zeigte sich sehr geehrt über den Auftrag und entledigte sich seiner Aufgabe mit Bravour. Gustav Mahler, seines Amtes Direktor des k.k. Wiener Hoftheaters, konnte Ballett im Prinzip nicht ausstehen. Er bezeugte kein Interesse an einer Inszenierung und sabotierte die Aufführung in Wien bis zu seinem Tode im Jahre 1907.

Die Witwe machte kurzen Prozess und vergab die Uraufführungsrechte nach Berlin. Kaiser Wilhelm II. hatte seine helle Freude, aber der Monarch war dem Jugendstil feindlich gesonnen. Deshalb mussten auf höchstem Befehl alle Kostüme in Tag- und Nachtarbeit vor der Premiere neu geschneidert werden. Mit den Turbulenzen fing es schon vorher an. Gegen das Szenario von Herrn Kollmann brachte man Einwände vor, dass dieses nicht bühnenreif sei und verwies auf die ordnungsliebenden Tauben, die zusätzlich einen Prunkwagen, auf dem eine Preisträgerin sitzt, ziehen sollten. Herrn Kollmann kannte zudem niemand, weil sein Ballettentwurf das Resultat eines Preisausschreibens war, welches die Wiener Zeitschrift „Die Wage“ ins Leben gerufen hatte. Nun wurde das Libretto von Herrn Hegel überarbeitet und angepasst. Ursprünglich hatte selbst Johann Strauss Vorbehalte gegen das Sujet, denn das Märchen Cendrillon des Franzosen Charles Perrault war schon als Oper wiederholt vertont worden und der Stoff nicht besonders originell. Wie sich aber später herausstellte kam eine modernde Fassung des Märchens - in die damalige Gegenwart verlegt - beim Publikum gut an.

Nach über sieben Jahren Wartezeit im Anschluss an die Uraufführung in Berlin erlebte am 4. Oktober 1908 die österreichische Hauptstadt das „Aschenbrödel“ unter Felix Weingartner seine Premiere in der Hofoper. Der prominente Joseph Hassreither besorgte die Choreographie, und Maria Kohler tanzte die Grete.

Das Ballett geriet in Vergessenheit, bis im Februar 1979 Robert de Warren, der künstlerische Leiter des Northern Ballet Theaters in Manchester sich wunderte, weshalb das Werk in Vergessenheit geraten konnte. Er suchte das Gespräch mit dem australischen Dirigenten Richard Bonynge, der Spezialist für solche Aufgaben war und lebhaftes Interesse an einer Wiederbelebung zeigte. Schon bald erlebte „Cinderella“ seine englische Uraufführung am 17.12.1979 am Royal Northern College of Music in Manchester unter dem Dirigenten Christopher Todman-Robin, während Peter Farmer die Ausstattung besorgte. Die Cinderella tanzte Sui Kan Chiang, assistiert von den Kollegen Ross Stretton, Ian Knowles, Amanda Maxwell, Alexandra Worrall und Nichola Treherne. Richard Bonynge spielte das Ballett im Jahr 1980 für Tonträger ein.

Erneut wurde es still um das letzte Werk von Johannes Strauss Sohn. Will man von ihm wirklich nur die „blaue Donau“ und den „Kaiserwalzer“, die „Fledermaus“ und den „Zigeunerbaron“ hören? Es wäre schade!


Letzte Änderung am 17.3.2007
Beitrag von Engelbert Hellen