Jean-Baptiste Lully (1632-1687):

Ballet royal de la nuit

deutsch Königliches Ballett von der Nacht

Allgemeine Angaben zum Ballett

Entstehungszeit: 1653
Uraufführung: 23. Februar 1653 in Paris (Salle du Petit Bourbon) in Anwesenheit der Königin und des Kanzlers Mazarin
Choreographie: Pierre Beauchamp, Jean Baptiste Lully und andere
Bühnenbilder und Maschinerie: Giacomo Torelli
Ausführende: Beauchamp - Lully - Lambert - Robichon - Molière sowie Louis XIV. und zahlreiche Mitglieder des Hofes
Besetzung: Orchester
Bemerkung: Das „Königliche Ballett von der Nacht“ ist eine Gemeinschaftsarbeit eines Teams von Darstellern, Technikern und diverser Komponisten (Jean de Cambefort, Jean Baptiste Boësset und Michel Lambert) und stellt einen frühen Höhepunkt der französischen Ballettgeschichte dar. Ludwig XIV. sammelte frühe Lorbeeren als Tänzer und war als Darsteller der Sonne unvergleichlich. Noch fehlte es an professionellen Tänzern und den Höflingen fiel die Aufgabe zu, am Spektakel mitzuwirken - ein Vergnügen, dem sie sich mit Begeisterung unterzogen. Die Ballettkunst entwickelte sich jedoch weiter und Amateure konnten später die geforderten Leistungen nicht mehr erbringen. In heutiger Zeit erstaunt es, mit welcher Unbefangenheit die Libretti entworfen wurden. Die Begeisterung überwog das Können und ein schlüssiges Konzept war offenbar unwichtig. Im Handlungsablauf ging es von Hölzchen auf Stöckchen. Die prächtigen Dekorationen vernebelten kritisches Bewerten.

Zum Ballett

Art: Ballet de cour in vier Teilen und 43 Auftritten
Libretto: Isaac de Bensérade

Handlung

Das Ballett überrascht den Zuschauer mit Begebenheiten, die in einer einzigen Nacht passieren können. Seine Struktur besteht aus vier Abschnitten, die zeitlich exakt gegliedert sind.

DER ERSTE TEIL
umfasst die Zeit von 18.00 bis 21.00 Uhr und besteht aus 14 Szenen.

1
Offenbar ist Winterzeit, denn die erste Szene beginnt bereits um 18.00 Uhr mit dem Auftritt der Nacht. Diese ist personifiziert, schon sehr alt und sitzt in einem Karren, der von Eulen gezogen wird.

2
Proteus ist ein Angestellter des Meeresgottes Poseidon, gewissermaßen eine Art Schäfer, was auch die Position des Hausmeisters einschließt. Tagsüber hütet er die Robbenherden und sobald die Dunkelheit hereinbricht muss er die Meeresungeheuer hereinbringen und in ihren Käfig sperren. Keine leichte Aufgabe! Die Reptilien sollen angemessenen Schlaf bekommen und gehören pünktlich ins Bett.

3
Nachdem die Monster entfernt sind kommen fünf Néréiden, um Weisung für den nächsten Tag entgegen zu nehmen. Im Moment wäre damit dem mythologischen Teil des Balletts Genüge getan.

4-5
Fünf müde Jäger haben einen Hirsch erlegt. Schäfer kommen flötespielend von den Weiden.

6
Zwei Banditen überfallen einen Kaufmann, der sich auf dem Heimweg befindet.

7-10
Einige Boutiquen haben auch abends geöffnet. Zwei Kavaliere in Begleitung von zwei leichten Mädchen kaufen bunte Bänder und Konfitüre. Sogar Menschen aus Ägypten besuchen den kleinen nächtlichen Marktplatz. Messerschleifer bieten ihre Dienste an. Gegen 21.00 Uhr ist Ladenschluss und die Stände werden geschlossen.

11
Die Gaslaternen werden angezündet.

12-13
Zwei Filous greifen zwei brave ältere Bürger an. Die Polizei sorgt für Ordnung.

14
Im Hof der Wunder wird dem Ortsvorsteher ein Ständchen gebracht. Die Einlage ist ein wenig grotesk, damit die Leute im Theater auch lachen können.

DER ZWEITE TEIL
behandelt die Zeit von 21.00 bis Mitternacht und umfasst sechs Szenen.

15-16
Eine Allegorie der Traurigkeit und des Alters tanzen ihre Variation und beklagen das Chaos der Nacht. Von Venus werden die beiden unansehnlichen Damen verscheucht, denn sie benötigt den Platz für eine eigene Darbietung.

17-18
Pagen präparieren die Szenerie. Bekannten Figuren aus der gängigen Romanliteratur wie Bradamante, Medor und Angelique tagen ihre Liebeshändel aus. Richard und Fleur d'Epigne
lassen nicht lange auf sich warten.

19-20
Die turbulente Hochzeit der Thetis war schon immer ein beliebtes Thema. Das Verwechslungsspiel
von Zeus mit Amphitryon, um Alkmene zu täuschen, erheitert.

DER DRITTE TEIL
umfasst die Zeit von Mitternacht bis 3 Uhr und besteht aus dreizehn Auftritten.

21-22
Der Mond, begleitet von den Sternen, bewundert die Schönheit Endymions. Er steigt vom Himmel hernieder und verliebt sich in ihn.

Abweichend vom Libretto bezeichnet die griechische Mythologie den Endymion präzise als Liebling der Mondgöttin Selene, die den schönen Jüngling in einer Höhle versteckt hält, ihn jede Nacht aus seinem Schönheitsschlaf weckt und ihm fünfzig Kinder schenkt.

23-26
Ptolemäus und Zarathustra beobachten den Himmel und sind erstaunt, den Mond dort nicht mehr zu sehen. Vier Heiden sorgen sich und konsultieren die beiden Astrologen. Sechs Priester der Göttin Cebele haben den Himmelskörper an der Seite Endymions ausgemacht. Sie ersuchen den Verliebten, den Jüngling zu verlassen und seinen alten Platz wieder einzunehmen. Es treffen noch weitere Berater ein.

27-28
Ein neues Kapitel beginnt mit einem Riesen, der auf einen Ziegenbock klettert und acht kleinen Dämonen befiehlt, den Zauberer des „Sabat“ herbeizubringen. Vier kleinwüchsige Monster kriechen aus einem Schneckenhäuschen, halten es an der frischen Luft aber nicht lange aus und verschwinden sogleich wieder.

29-31
Eine Magierin und vier alte Hexenmeister betreten die Szene. Sechs Werwölfe kommen noch hinzu.
Drei Neugierige - gespielt vom König, von Molière und von Beauchamp - wollen sehen, was es gibt. Sie haben wenig Glück, denn die Anwesenden verschwinden unverzüglich, weil sie sich beobachtet fühlen. Das Thema ist erschöpft und wird gewechselt.

32
Ein Haus brennt. Man läutet die Sturmglocke. Männer und Frauen werfen Einrichtungsgegenstände aus dem Fenster. Mütter bringen ihre Kinder in Sicherheit.

33
Zwei Einbrecher wollen von der Dunkelheit der Nacht profitieren, werden aber festgenommen und abgeführt.

DER VIERTE TEIL
umfasst den Rest der Nacht bis morgens 6 Uhr.

34
Die Dämonen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde repräsentieren die vier Temperamente des Menschen: den Choleriker, den Sanguiniker, den Phlegmatiker und den Melancholiker.

35-36
Der Traum des Cholerikers wird über die Furien vorgeführt (dargestellt durch den König und durch Molière). Als Gleichnis wird der gleiche Traum auch als Abenteuer zwischen Christen und Türken, die sich bekämpfen, gebracht.

37
Die heftige Leidenschaft des Ixion zur Göttin Juno, an die er sich im Weinrausch heranmacht, wird durch Zeus vereitelt, indem er einer Wolke die Gestalt seiner Gemahlin gibt, mit der Ixion sich amüsieren kann. Die Neigung zu Exzessen soll angeblich den Sanguiniker kennzeichnen.

38-40
Während der Phlegmatiker durch das ominöse Geschick zweier Schatten beurteilt wird, obliegt es einem Poeten und einem Philosophen, den verträumten Melancholiker zu symbolisieren.
Damit ist das oft strapazierte Thema von der Vier-Säfte-Lehre abgehandelt.

41-42
Drei falsche Falschmünzer verschwinden in einer Höhle und sechs Schmiede schlagen auf einen Amboss.

43
Im letzten Bild hat der Sonnenkönig seinen großen Auftritt. Aurora kommt mit ihrem Wagen, umgeben von den 12 Stunden des Tages, begleitet von der Dämmerung, die eine Urne mit Morgentau bringt. Die Sonne zerstreut die Wolken und verspricht einen schönen Tag. Es kommen noch Genien hinzu und alle Darsteller formatieren sich zum großen Finale.


Letzte Änderung am 17.6.2009
Beitrag von Engelbert Hellen